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INTERSEXUALITÄT

Macht ein Testosteronlimit den Sport gerechter?

Eigentlich heisst es nicht nur in der Leichtathletik: Mann gegen Mann, Frau gegen Frau. Diese Trennung soll Wettkämpfe fairer machen, mit Testosteron (männliches Sexualhormon) als zusätzliche Masseinheit. Die Regeln sind zu überdenken, wie die Geschichte von 800 m Olympiasiegerin Caster Semenya (ZAF) und aktuelle Ergebnisse aus der Forschung zeigen.

Caster Semenya ist eine Weltklasse-Sportlerin aus Südafrika. Dreimal Gold bei Weltmeisterschaften, zweimal Gold bei Olympia. Doch im Herbst 2019 verzichtete sie auf die Teilnahme an der WM in Doha und auch bei den Olympischen Spielen in Tokio im Sommer 2021 war sie nicht dabei sein. Weil sie wegen der umstrittenen «Testosteron-Regel» in ihrer Paradedisziplin auf 800 Metern nicht antreten darf, wich die Olympiasiegerin auf die Langstrecke aus und scheiterte mehrfach an der Olympianorm.

Seit November 2018 gilt für den Testosteronspiegel ein Limit. Der Grenzwert gilt für Läufe über 400 Meter bis zu einer Meile (1609 Meter). Die Konzentration des Hormons liegt bei Frauen etwa bei 0,12 bis 1,79 und bei Männern zwischen 7,7 und 29,4 Nanomol pro Liter Blut.

Um es klar zu präzisieren: Ihr zu hoher Testosteronwert ist angeboren. Das ist nicht mit einem Dopingvergehen vergleichbar, es gibt da keine vorgeplanten Schritte. Es handelt sich um ein rein medizinisches Thema.

Semenyas Körper produziert etwa so viel Testosteron wie der eines Mannes

Testosteron, das wichtigste männliche Sexualhormon, ist für die Entwicklung der Geschlechtsorgane sowie weiterer männlicher Merkmale zuständig: tiefe Stimme, breite Schultern, Bart. Doch nicht nur Männer, auch Frauen reagieren auf das Hormon, das ihre Nebennieren und Eierstöcke in geringen Mengen herstellen. Viele Gewebe, etwa Muskel-, Blut- und Knochenzellen, haben Andockstellen dafür, die Androgenrezeptoren. Bindet das im Blut zirkulierende Hormon an diese Rezeptoren, werden in den Zellen bestimmte Gene abgelesen. So kurbelt Testosteron beispielsweise den Aufbau von Muskelmasse und die Bildung roter Blutkörperchen an. Ausserdem fördert es die Regeneration: Man benötigt kürzere Pausen und kann häufiger trainieren (Quelle: www.spektrum.de). 

Was soll das bedeuten? Semenya ist intersexuell. Sie trägt also sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsmerkmale. Das kann verschiedene Ursachen haben. Bei Semenya liegt es am Chromosomensatz: Sie hat ein männliches und ein weibliches Geschlechtschromosom – X und Y. Genetisch gesehen ist sie demnach ein Mann. Darum produziert ihr Körper etwa genauso viel Testosteron wie der eines Mannes. Warum sieht sie dann – zumindest teilweise – aus wie eine Frau? Die Antwort ist: Das Testosteron wirkt bei ihr nicht. Jedenfalls nicht wie bei einem Mann. 

Ob das Hormon seine mannigfaltige Wirkung entfalten kann, hängt davon ab, wie gut die Androgenrezeptoren eines Menschen funktionieren. Sind die Andockstellen voll funktionsfähig, entwickelt sich ein Kind mit den Geschlechtschromosomen X und Y auch äusserlich zum Mann. Arbeiten die Rezeptoren – auf Grund von Mutationen im verantwortlichen Gen – nur teilweise, können männliche Geschlechtsorgane und -merkmale verschieden stark ausgeprägt sein. Es würde natürlich viel zu weit führen, hier medizinische Fachvoträge zu kopieren, das überlassen wir den Spezialisten. 

Die Mehrheit der Sportmediziner ist sich zumindest da einig: Eigentlich müsste man folglich nicht nur die Testosteronwerte, sondern auch die Rezeptorausstattung der Betroffenen überprüfen. 

Als die damals 18-Jährige Semenya 2009 in Berlin all ihre Konkurrentinnen weit hinter sich liess und zum ersten Mal Weltmeisterin über die 800-Meter-Distanz wurde, gab es zahlreiche Gerüchte. Der äusserst muskulöse Körper, die breiten Schultern und die tiefe Stimme der Athletin irritierten Mitstreiterinnen und Publikum. Ist Semenya ein Mann? Um das herauszufinden, ordnete der Verband einen umfangreichen – und überaus umstrittenen – Geschlechtstest an. 

IAAF-Generalsekretär Pierre Weiss teilte der Presse daraufhin mit: «Es ist klar, dass sie eine Frau ist, aber vielleicht nicht zu 100 Prozent».

In der Vergangenheit gab es im Spitzensport wiederholt Fälle, bei denen Tests zeigten, dass Männer als Frauen an den Start gegangen waren. Die als Polin geborene Amerikanerin Stella Walsh holte im Jahr 1932 in Los Angeles über 100 Meter Olympiagold und vier Jahre später in Berlin Silber. 

Als sie 1980 bei einem Überfall erschossen wurde, stellte sich heraus, dass Walsh männliche Geschlechtsorgane hatte.

Auch bei den Asienspielen 2006 in Doha musste die indische Leichtathletin Santhi Soundarajan ihre 800-Meter-Silbermedaille wieder abgeben, nachdem bei einem Geschlechtstest herausgekommen war, dass sie von der Chromosomen-Konstellation her männlich ist. Anschliessend versuchte Soundarajan, sich das Leben zu nehmen.

Semenya gewinnt im Jahre 2009 in Berlin überlegen die 800 m mit einer Zeit von 1:55,45 (Weltjahresbestleistung). Die Titelverteidigerin Janeth Jepkosgei Busienei aus Kenia kam als Zweite mehr als zwei Sekunden später ins Ziel.

Als Vergleich dazu die sicher auch zur erweiterten Weltklasse gehörende 6-fache Schweizermeisterin Selina Büchel. Die Toggenburgerin holte zweimal EM-Gold in der Halle: 2015 in Prag und 2017 in Belgrad. Ihr Schweizerrekord steht bei 1:57,95.

Dem Weltverband IAAF wurde auch Rassismus und ein Verstoss gegen Semenyas Persönlichkeitsrechte vorgeworfen. 

Es ist ein schwieriges Problem, das Gerichte kaum lösen können. Der Unmut der betroffenen Athletinnen ist verständlich. Dass man mit Medikamenten den Testosteronwert senken muss, um als «Frau» an grossen Wettkämpfen teilnehmen zu können, löst natürlich ethische Fragen aus. Nur ist die Chancengleichheit so nicht gewährt. Ob man eine dritte Kategorie für intersexuelle Sportlerinnen schaffen soll, ist auch eine ökonomische und logistische Frage. Eine flächendeckende Lösung für alle Sportarten, wie mit dem neuen Eintrag im Personenstandsregister divers im Sport umzugehen ist, wurde noch nicht geschaffen (auch in Deutschland seit Dezember 2018 möglich). Der Schweizer Bundesrat arbeitet derzeit an einem Bericht über die Einführung eines amtlichen dritten Geschlechts.

Zahlen, wie viele Trans- oder Intersexuelle Personen am Leistungssport teilnehmen, ist nicht bekannt.

Aussagekraft einer mitentscheidenden Testosteron-Studie ist umstritten

Um die fehlenden Beweise nachzuliefern, führten die Sportmediziner Stéphane Bermon und Pierre-Yves Garnier, beide IAAF-Mitglieder, selbst eine Studie durch. Sie setzten die Bestleistungen, die männliche und weibliche Athleten bei den Weltmeisterschaften 2010 und 2013 erzielt hatten, in Verbindung mit deren Testosteronwerten. Dabei kamen sie zu dem Schluss, dass Frauen mit höheren Testosteronwerten je nach Sportart um bis zu 4,5 Prozent bessere Leistungen erbrachten. Allerdings ausschliesslich in den Disziplinen 400- und 800-Meter-Lauf, 400-Meter-Hürdenlauf, Hammerwurf und Stabhochsprung. 

Die aktuellen Ergebnisse der Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Eugene zeigen nämlich, dass auch im Sprint (100 und 200 Meter) durchaus auch Leistungsvorteile auszumachen sind. Dazu später mehr! 

Gemäss Roger Pielke Jr., Sportmanagementforscher, ist diese Studie aber umstritten, da die Studie nicht explizit intersexuelle – beziehungsweise androgenresistente – mit nicht intersexuellen Sportlerinnen, sondern lediglich »höhere« mit »niedrigeren« Werten verglich, ist ihre Aussagekraft höchst umstritten. Zudem sei sie fehlerhaft, sagen Wissenschaftler, die den Datensatz nachträglich überprüften.

Dennoch führte die IAAF Ende 2018 die neue Regelung auf Basis jener Studie ein. Mindestens sechs Monate vor einem Wettkampf müssen betroffene Athletinnen ihren Testosteronspiegel absenken und ihn so lange niedrig halten, bis sie nicht mehr in besagten Disziplinen starten wollen. Semenya klagte vor dem Sportgerichtshof – und scheiterte. In Anbetracht der vorgelegten Beweise sei sie aber ein »notwendiges, vernünftiges und angemessenes Mittel«, um die Integrität des Sports in den betroffenen Disziplinen zu erhalten.

Sowohl im Ausdauersport als auch in der Bodybuilder-Szene ist man sich der Wirkung des »Power-Hormons« bewusst. Laut einer Studie vom Zentrum für Präventive Dopingforschung an der Sporthochschule Köln sind 87 Prozent der leistungssteigernden Mittel, die auf dem Schwarzmarkt oder vom Zoll sichergestellt wurden, anabole Steroide. 

Dazu zählen Testosteron sowie künstlich hergestellte Abkömmlinge des Steroidhormons, die muskelaufbauend wirken, auch anabol genannt. Sie alle stehen auf der weltweit gültigen Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur. 


Die Liste der WADA  ist natürlich in englischer Sprache abgefasst. Die nationalen Dopingkommissionen veröffentlichen diese dauernd angepassten Listen in der Landessprache. Die nationale Antidoping-Organisation heisst ab 1. Januar 2022  Swiss Sport Integrity. Zum Jahreswechsel wurden Aufgabengebiet und Stiftungszweck von Antidoping Schweiz erweitert und der Namenswechsel beschlossen. Hier die Liste der verbotenen Substanzen:

Für Laien natürlich kaum umfassend verständlich, aber die Athleten tragen die Verantwortung, nicht die Trainer, Sportärzte und Verbände. Darum hilft diese App bei der Eingabe von fraglichen Substanzen.

Schauen wir uns doch einmal ganz sachlich nur die Leistungen von Caster Semenya über 800 Meter an. 

Die erfolgreiche Läuferin aus Südafrika bringt bei einer Grösse von 178 cm wohl über 70 kg auf die Waage. Diesbezügliche Angaben schwanken von 64 kg (Bodysize.org) bis 73 kg (Wikipedia). Über Mittelstrecken (800m bis 1605 m = Meile), auch in den Sprintbewerben, sicher eine sehr gute Voraussetzung. Bei Rennen über die Langdistanzen (5000 und 10’000 m) aber chancenlos. 

Neben 3x WM Gold über 800 m (2009 Berlin, 2011 Daegu, 2017 London) holte Semenya auch bei den olympischen Spielen in London (2012) und Rio (2016) jeweils Gold. Semenya lief eine Zeit von 1:55,28. Die Schweizerin Selina Büchel verpasste den Final mit 1:59:35 knapp. 

Das Podium in Rio ist uns noch in bester Erinnerung: Siegerin Caster Semenya, Francine Niyonsaba (Burundi) und Margaret Wambui (Kenia). Alle drei Athletinnen gelten als intersexuell, also mit einem ZU hohen Testosteronwert. 

Die diesjährigen Weltmeisterschaften in den USA (Eugene) brachten haufenweise sensationelle Leistungen. Überragend der Weltrekord von Olympiasiegerin Sydney McLaughlin über 400 m Hürden. Die 22-jährige Amerikanerin wurde in 50,68 Sekunden Weltmeisterin. Sie unterbot damit ihre alte Bestzeit um unfassbare 73 Hundertstel.

Viktor Röthlin, Marathon-Europameister 2010 in Barcelona, war an dieser WM als SRF Experte im Einsatz. Benotung: HERVORRAGEND. Sein unerschöpfliches Fachwissen begeisterte sicher viele Sportfans. 

5 Jahre nach ihrem letzten Auftritt an einer WM hat Caster Semenya in Eugene ihr Comeback an internationalen Titelkämpfen gegeben. Die 31-Jährige trat im Vorlauf über 5000 m an, lief der Konkurrenz aber hinterher. Es war in Semenyas Vorlauf augenscheinlich, dass die kräftige Südafrikanerin gegen ihre leichtfüssigen Konkurrentinnen chancenlos war. «Sie hat einen Körperbau für den 800er, vielleicht für den 400er, aber sicher nicht für den 5000er», ordnete SRF-Experte Viktor Röthlin ihren Auftritt richtig ein. Sein Interview zu diesem Thema mit Moderator Paddy Kälin ist unter folgendem Link abrufbar. 

Mit ihrer Vorlaufzeit  von 15:46:12, insgesamt Platz 28, verliert Semenya fast eine Runde auf die Vorlaufsiegerin Gudaf Tsegay. Die Läuferin aus Äthiopien  lief die 5000 Meter in 14:52.64. Mit ihrer Körpergrosse von 163 cm und einem Gewicht von 50 kg natürlich ideale Voraussetzungen für die Langdistanzen. 

Jetzt galt also auch in den USA diese Testosteronregel: Mit einem zu hohen Wert darf man über 100 und 200 m laufen und dann wieder ab 3000 m Steeple.  Dass das KEINE BEFRIEDIGENDE LÖSUNG ist, zeigen die folgenden Resultate über 3000 m Steeple und im 200 m Sprint der Frauen.  

Die Intersexuelle Läuferin Werkuha Getachew (Äthiopien) holt sich über 3000 m Steeple die Silbermedaille. Leistungssteigerung und Unfairness sicher zu bejahen. Das ist natürlich in keiner Art und Weise ein Vorwurf an diese Sportlerinnen, aber das Problem bleibt so ungelöst. 

Gold über die Hindernisse gewinnt die für Kasachstan laufende 26 jr. Kenianerin Nohra Jeruto, nur 1.60 gross und wohl nicht über 50 kg schwer. Bereits seit 4 Jahren hat der internationale Verband (IAAF) neue Regeln beim umstrittenen Nationenwechsel eingeführt. 

Athleten werden vor ihrem Start für ein anderes Land zukünftig mindestens drei Jahre international gesperrt,

zudem prüft vorher ein Gremium die “Glaubwürdigkeit” des Antrags. 

Dieser Unsinn wurde über Jahre problemlos toleriert. Gute Sportler vor allem aus Kenia und Äthiopien wechselten für viel Geld zu anderen Nationen. Natürlich ist es in diesen Läufernationen enorm schwierig, sich im eigenen Land für Grossanlässe wie Weltmeisterschaften und Olympische Spiele zu qualifizieren. Da kam jeder Nationenwechsel gelegen, zumal sich die Athleten ja gar nicht im «neuen» Land aufhalten mussten, sondern weiterhin in Afrika wohnen und trainieren konnten.

Das fast unerschöpfliche Reservoir an Top-Läufern in diesen Höhenlagen von Kenia und Äthiopien hat natürlich viele Sportfunktionäre hellhörig gemacht. Es soll auch dubiose Manager geben, die schon seit Jahren auch Ausschau nach intersexuellen Läuferinnen haben. Inakzeptabel!

Auch das Thema DOPING ist in diesen Ländern natürlich weiterhin aktuell. Der Leichtathletik-Weltverband IAAF hat seine Anti-Doping-Regeln deutlich verschärft. Demnach müssen Verbände aus

“Hochrisiko-Ländern” wie Kenia, Äthiopien, Bahrain, Weissrussland und die Ukraine

sicherstellen, dass ihre Athleten in den zehn Monaten vor Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen mindestens dreimal ausserhalb von Wettkämpfen getestet wurden.

Sollten Sportler diese Tests nicht vorweisen können, seien sie bei dem Grossereignis nicht startberechtigt, teilte die IAAF mit. 

Die Schweizer Weltklassesprinterin  Mujinga Kambundji kam an dieser WM über 100 m als starke Fünfte ins Ziel. Hinter drei Jamaikareinnen und der Engländerin Dina Asher-Smith ist die Ausganslage für die am 15. August beginnenden  Leichtathletik-Europameisterschaften in München sicher erfolgversprechend. 

Über 200 Meter konnte die Bernerin ihre Bronzemedaille von Doha (2019) nicht verteidigen. Die Konkurrenz war trotz guter Leistung von Kambundji einfach zu stark. 
Auf dieser Distanz stand mit Aminatou Seyni (Niger) auch eine intersexuelle Läuferin im WM-Final. Sie belegte Platz vier, 43 Hundertstel vor Kambundji, die diesen Final auf dem 8. Platz beendete. Klare Leistungsvorteile also auch auf den kurzen Distanzen. Wenn man da dank den höheren Testosteronwerten eine Verbesserung der Laufzeit von ca. 3% annimmt, dann wären das gemessen am im Halbfinal aufgestellten Schweizerrekord von Kambundji von 22,05 sogar 66 Hundertstel. Von Fairness zu sprechen ist dann doch eher eine Fehlanzeige….

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