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LESBEN UND SCHWULE IM SPORT

Eigentlich verstehen wir es auch nicht, dass diese  Frage im Jahre 2019 überhaupt noch gestellt werden muss. Man reduziert ja damit eine Person NUR auf die sexuelle Ausrichtung. Sportliches Können, Charakter, Vorbildfunktion, alles geht irgendwie unter. 

Persönlich sind wir der Meinung, dass ein Outing völlig unnötig ist. Wenn sich eine Sportlein, ein Sportler,  nachher wohler fühlen, auch ihre Liebesbeziehung gegen aussen hin öffentlich zu machen, sei es ihnen selber überlassen, auch diesen Teil der Privatsphäre preiszugeben. 

Interessant, dass vor allem Frauen auch während dem Aktivsport wesentlich weniger Probleme mit dem Outing haben. Natürlich haben viele noch heute Angst vor Mobbing. Es fehlt weiterhin die weltweit globale Akzeptanz.

Schwule und Lesben werden vor allem in angelsächsischen Ländern bei Sportveranstaltungen stark diskriminiert. Die grösste Akzeptanz geniessen homo- oder bisexuelle Sportler der Umfrage zufolge in Kanada, am schwersten haben sie es in den USA. Ein Drittel der schwulen Sportler würde sich gerne outen, fürchtet aber Anfeindungen.

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Die Deutsche Sporthochschule in Köln hat erst kürzlich eine diesbezügliche Studie veröffentlicht. Dabei wurden mehr als 5000 Lesben, Schwule, Transgender und Intersexuelle befragt. Das Ergebnis hat alle verblüfft: Auch im Jahre 2019  halten 90 Prozent der Befragten Homo- und Transphobie für ein “aktuelles Problem im Sport”. Ein Fünftel verzichtet aufgrund ihrer sexuellen Orientierung auf die Ausübung eines Sports. Ein Drittel der Befragten, die im Sport aktiv sind, haben in ihrem sportlichen Umfeld niemandem davon erzählt, dass sie schwul, lesbisch, trans- oder intersexuell sind. In anderen Ländern, die in die Studie einbezogen sind, ist der Anteil noch deutlich höher, unter anderem in Italien (41 Prozent) und Ungarn (45 Prozent).

Generell würden Lesben zwar eher akzeptiert als Schwule, hätten aber auch mit Anfeindungen beim Sport zu kämpfen (Quelle: Spiegel Online / 20.5.2019).

Nicht nachvollziehen können wir eine Aussage der Australischen Tennislegende Margaret Court: „Der Tennissport ist voll von Lesben”, sagte sie in einer christlichen Radiosendung und befand, Transgender-Kinder seien ein “Werk des Teufels”.

Zu den bekannten Gesichtern aus dem Tennissport, die sich schon vor Jahren als Lesben outeten, gehören sicher Martina Navratilova und Amélie Mauresmo

In der Leichtathletik bekannte sich auch die ehemalige Hochsprungweltmeisterin aus Schweden, Kajsa Bergqvist, ebenso als Lesbe wie die Deutschen Nadine Müller (Diskus) und Melanie Strutz (Stabhochsprung).

Kajsa Bergqvist 2011 auf einer Konferenz des Internationalen Leichtathletik-Verbandes

Mittlerweile auch offen lesbisch ist die Südafrikanerin Caster Semenya (800 Meter), wegen ihrer Intersexualität und den damit verbundenen zu hohen Testosteronwerten seit Jahren ein Zankapfel zwischen dem Internationalen Verband und diversen Gerichten.

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Wie in allen Teamsportarten ist die Homosexualität oft immer noch ein verborgenes Thema. Offen damit umgehen können die US-Fussballerinnen Abby Wambach und Megan Rapino.

USA forward Megan Rapino

Auch in der Schweizer Nati ist das Liebespaar Alisha Lehmann und Ramona Bachmann längst kein Geheimnis mehr. 

Ramona Bachmann Alisha Lehmann

Die Rekord Nationalspielerin  Lara Dickenmann sprach erst im Juni 2019 im Blick über ihre Liebe zu Frauen. „Mit 13 habe ich gemerkt, dass ich auf Frauen stehe, aber erst vier Jahre später bin ich mit meiner Mutter hingesessen und habe gesagt: „Mama, ich bin lesbisch“. Na und?

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Wesentlich schwieriger ist die Thematik bei den Männern. Es gibt nur ganz selten Spieler von „harten“ Sportarten wie Fussball, Eishockey oder Rugby, die sich offen während ihrer Aktivzeit zu ihrer Homosexualität bekennen. Die Gründe dafür sind diffus, besonders in Sportarten, die viel öffentliche Aufmerksamkeit erhalten wie zum Beispiel der Fussball. Einige behaupten, homophobe Fangruppen seien das Problem. Oder die Sponsoren, die ein traditionelles Männlichkeitsbild vermarkten und daran gut verdienen. Andere wiederum sehen den Grund bei den Teammitgliedern, die aus chauvinistisch geprägten Kulturen stammen und damit nicht umgehen können. Wieder andere sagen: Fussball sei halt ein globales Geschäft, das sich nur mit Männlichkeit verkaufe. 

Dabei hätte ein Outing im Profifussball eine fast schon historische Dimension. Tausende junge, homosexuelle Sportler warten sehnsüchtig darauf, dass sich eines ihrer Idole zum Schwulsein bekennt. Es würde wohl vieles erleichtern.

Für Torwart-Legende Oliver Kahn ist Homosexualität im Bundesliga-Fussball nach wie vor ein Tabuthema. Spielern würde er nicht zu einem Coming-Out raten – wegen der Intoleranz vieler gegnerischen Fans.

Homosexualität sei zwar in der Gesellschaft „keine grosse Sache“ mehr, sagte Kahn im Interview mit dem Magazin „Gala“. „Aber es wäre blauäugig, davon auszugehen, dass es im Profisport genauso ist. Ein Spieler, der sich outet, steht jeden Samstag im Stadion vor den gegnerischen Fans“, so Oli Kahn (Quelle: Focus / 12.9.2013). 

Fußball - Auch Micoud, Kahn und Sammer bei Frings-Abschied

Auch der Präsident der Deutschen Fußball-Liga, Reinhard Rauball, warnte indirekt davor, diesen Schritt zu tun – „so weit ist der Fußball nicht“.

Der Walisische Rugby- Rekord-Nationalspieler, hat 100 Spiele für die Rugby-Nati gemacht, bekannte im Jahre 2009: „Ja, ich bin homosexuell“, sagte Thomas Gareth (damals 35 jährig) gegenüber «Daily Mail». Bemerkenswert! Denn er ist der erste noch aktive Rugby-Spieler, der zu seinem Schwulsein steht.

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Schon als 17-Jähriger entdeckte er seine sexuelle Vorliebe für Männer. Doch er unterdrückte sein Bedürfnis, war sogar von 2002 bis 2006 verheiratet. Denn: «Rugby ist die härteste, machohafteste aller Sportarten», sagt der Modellathlet. Er befürchtete, dass ein Coming-out seine Karriere gefährden würde. Also lebte er sein Schein-Leben weiter.

Bis heute gibt es nur einen bekannten Fussballspieler, der sich öffentlich outete: Justin Fashanu. Er nahm sich 1998 im Alter von 37 Jahren das Leben. Wo bleibt bloss die Toleranz im Fussball?

Auch der ehemalige Nationalspieler Thomas Hitzlsberger war der erste Deutsche Profi, der sich nach seiner Karriere im Jahre 2014 zu seiner Homosexualität bekannte. Erstaunlich und positiv zu gleich: Es gab kaum negative Reaktionen!

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Im Deutschen TV war Hitzlsberger Co-Kommentator und Experte, seit Februar 2019 ist er Sportvorstand des VfB Stuttgart. 

Vor 2 Jahren outete sich auch der Schweizer Schiedsrichter Pascal Erlachner als schwul.  Ein mutiger Schritt, denn als Unparteiischer muss man sich von den Spielern so einiges anhören.

Pascal Erlachner: Sein Outing war geplant, aber später als es jetzt dazu gekommen ist. Foto: Andy Müller/Freshfocus

Dass Erlachner schwul ist, wussten alle, die ihn besser kennen. Im privateren Rahmen und auch bei den Schiedsrichterkollegen hat er kein Geheimnis daraus gemacht. Er zeigt sich mit seinem Partner. Den Schritt an die Öffentlichkeit hat er sich lange überlegt und ihn dann konsequent verfolgt.

Oberplauderi Urs Meier, selber früherer internationaler Schiedsrichter mit Hang zur theatralischen Arroganz, meinte: „Es wird eine Welle auf ihn zukommen“. Die Welle kam nicht, die Spieler und auch das Publikum behandelten Erlachner mit Anstand und Respekt. 
Auch Ex-Turner Lucas Fischer sagte (nicht ganz überraschend) vor einem Jahr bei einem Interview mit der Schweizer Illustrierten: „Ja, ich bin schwul“.

Lucas Fischer Porträt Gala Das Zelt 2018

Früher liebte er nur Frauen. Doch wie mit diesen neuartigen Gefühlen umzugehen ist, darüber war sich Fischer nicht im Klaren, „da ich nie infrage gestellt habe, ich könnte ein anderes Geschlecht lieben und begehren als das weibliche“. 

Heute verdient er sein Geld als recht erfolgreicher Sänger und Akrobat! So durfte er im Frühling auch den WM Song zur Kunstturn-Weltmeisterschaft in Stuttgart performen. Sein Titel: „Set new signs“. 

Politiker outeten sich schon sehr lange: der verstorbene Ex-FDP Präsident und Aussenminister Guido Westerwelle, der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit, die in Biel lebende AfD Politikerin Alice Weidel oder auch die Schweizer Nationalräte Hanspeter Portmann (FDP), Hans-Ueli Vogt (SVP), Martin Näf (SP), Angelo Barille (SP), Alt-Nationalrat Thomas Fuchs (SVP), der Basler Ständerat Claude Janiak (SP) oder die Zürcher Stadtpräsidentin Corinne Mauch (SP). 

Darüber spricht man nicht einmal mehr, und das ist im 21. Jahrhundert auch richtig so. 

Etwas länger würde die Schlange beim SRF sein,  ebenso im Showbusiness, darum verzichten wir hier bewusst auf weitere auf Namen. Es geht ja nicht darum, Personen wegen ihrer sexuellen Neigung blosszustellen. Es reicht wirklich, wenn z.B. Politiker wie Alt-Nationalrat Toni Bortoluzzi in einem Interview im letzten Jahr zu Blick meinte: „ Schwule und Lesben sind eine gesellschaftliche Fehlentwicklung mit einem Hirnlappen, der offensichtlich fehl läuft“. Schäm Dich, Grenadier Toni Bortoluzzi!Zurück zum Sport: Jeder Sportler, jede Sportlerin hat ihr Privatleben und entscheidet selber ob, und wann sie oder er allenfalls auch über ihr Sexualleben reden möchten. Was wir aber alle nicht verstehen, ist die dumme, erniedrigende und höchst primitive Aussage des ehemaligen österreichischen Nationaltrainers Otto Barić

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“Ich weiß, dass es in meiner Mannschaft keine Homosexuellen gibt. Ich erkenne einen Schwulen innerhalb von zehn Minuten, und ich möchte sie nicht in meinem Team haben.“

Barić wurde aufgrund seiner Aussagen von der Uefa zu einer Geldstrafe verdonnert, konnte aber in einem Interview seine homophoben Aussagen nur schlecht relativieren: “Ich habe nichts gegen Schwule, aber ich will zum Beispiel nicht, dass wenn ich mit meiner Familie am Mittagstisch sitze, so einer dabei ist.” Auch der Trainer der österreichischen U-21-Nationalmannschaft Werner Gregoritsch sagte in einem Interview mit der “Kleinen Zeitung” 2011, dass schwule Fußballer “undenkbar” für ihn seien. Und betonte: “Für mich selbst ist es etwas Unnatürliches. (…) Mir ist das Wort Macho lieber als das Wort Schwuler.” 

Und wenn sich eine Tamara Funiciello als bisexuell outet, dann ist das für uns ein reiner PR-Gag im Hinblick auf die Wahlen im Herbst.  Wie man als sog. Vorzeigelesbe sehr schnell in ein grünes Fettnäpfchen treten kann, hat uns ja Tamy Glauser mit ihrer krebstötenden Veganertheorie demonstriert. 

Ein Zwangsouting in den Medien ist für einen Schwulen wohl etwas vom Schlimmsten. Journalisten, die das tun, überschreiten eine ganz klare, nachvollziehbare moralische Grenze.

Diese Grenze krass geschnitten hat ein Autor der Zeitung «Sonntag» im Jahr 2008. Er druckte Aussagen aus einem Schwulenchat ab, worin sich Teilnehmer wunderten, weshalb sich Eiskunstläufer Stéphane Lambiel nicht endlich outet. Dass Lambiel tatsächlich schwul sein soll, behauptete der wendige Autor jedoch nicht. Der Walliser Sportler meinte damals dazu lediglich: «Über dieses Thema will ich mich nicht äussern.»

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Im Februar 2019, mehr als zehn Jahre nach dem fragwürdigen Artikel, nimmt der «Blick» das Thema wieder auf und fragt den mittlerweile vom Spitzensport zurückgetretene Lambiel in einem Interview, weshalb er denn als nicht eine Vorbildfunktion für junge schwule Sportler einnehmen wolle.

Der 33-Jährige besteht weiterhin darauf, dass privat bleiben soll, was in seinem Bett passiert. «Was ich zu Hause mache, bleibt dort. So wurde ich erzogen.»

Aber der «Blick»-Journalist zielte auf etwas anderes ab. Er fragte nach Lambiels sexueller Orientierung, und weshalb er seinen Promi-Status nicht dazu nutze, ein Vorbild für junge schwule Männer zu sein. Gerade im Sportbereich fehlen immer noch mutige, schwule Idole. Also eine absolut legitime Frage.

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